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Lügen für die gute Sache

Auf Twitter und in vielen (überwiegend griechischen) Blogs wird gerade dieses Bild herumgereicht:

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Dabei soll es sich um ein Foto von der Londoner Schuldenkonferenz 1953 handeln, auf der der Bundesrepublik Deutschland 50% ihrer Auslandsschulden erlassen wurden. Auf dem Foto unterschreibt Konstantinos Karamanlis die Vereinbarung gerade für Griechenland.

Ein Bild mit riesiger Symbolkraft. Wenn es denn stimmen würde.

Denn: 1953 war Konstantinos Karamanlis noch nicht griechischer Premierminister, sondern Minister für Öffentliche Arbeit. Unwahrscheinlich, dass er in dieser Funktion an diesem Ort neben Adenauer gesessen hätte, mit dem Stift in der Hand.

Ich habe keinen sicheren Beleg für die Herkunft dieses Fotos, aber eine plausible Vermutung. Und ich würde mich freuen, wenn jemand mit mehr Recherchekompetenz als ich diese Vermutung bekräftigen oder widerlegen könnte. Sie stützt sich auf diese Quelle:

MEILENSTEINE DEUTSCH–GRIECHISCHER BEZIEHUNGEN
Herausgegeben von Wolfgang Schultheiß und Evangelos Chrysos
STIFTUNG FÜR PARLAMENTARISMUS UND DEMOKRATIE DES HELLENISCHEN PARLAMENTS

Dort lesen wir auf Seite 264:

“Ein großer Erfolg für Griechenland auf wirtschaftlicher Ebene war der Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis in Deutschland (10-12. November 1958), der seitens der griechischen Regierung ungeduldig erwartet worden war, da sie sich von diesem Besuch eine Stärkung ihrer innenpolitischen Position versprach. Aufgrund der Anerkennung der griechischen Bemühungen, die zu einer Stabilisierung der Wirtschaft geführt hatten, und angesichts der Bedeutung, die der Wiederaufbau der griechischen Wirtschaft für Europa selbst besaß, versprach der deutsche Kanzler dem griechischen Ministerpräsidenten die Gewährung eines Kredits in Höhe von 200 Millionen Mark zur Realisierung von Infrastrukturprojekten in Griechenland. Ferner stimmte die deutsche Regierung Investitionen in Form von Güterlieferungen in Höhe von 100 Millionen Mark zu (mit der Aussicht, dass sich dieser Betrag für die Vollendung konkreter Projekt auf insgesamt 400 Millionen Mark erhöhen werde). Zudem wurde vereinbart, dass die deutsche Seite zusätzliche Gelder für die Finanzierung technischer Hilfe an Griechenland zur Verfügung stellen würde.”

Was für eine Ironie, wenn sich diese Vermutung bestätigen würde.

The Class of ’69

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Teile meiner Twitter-Timeline gehen seit kurzem steil auf schicke Kleider. Als serviceorientierter Mitmensch greife ich das Thema natürlich dankbar auf. Und als Vintage-Liebhaber sage ich: Wenn’s schön sein soll, müsst ihr nach früher kucken.

Zum Beispiel ins Jahr 1969. In die Kataloge von Neckermann und Witt Weiden.

Das kann man kaum besser machen, oder?

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(Wer es noch einmal hochauflösend mag, der klicke bitte hier.)

Wie ich einmal die ZEIT kaufen wollte (Artikel enthält Abschweifungen)

Vor kurzem schrieb Christian Buggisch über seine Erfahrungen mit einem anderen Verlagshaus:

Alle diskutieren über die Zukunft des Journalismus, über Digitalstrategien von Verlagshäusern und drehen das ganz große Rad. Dabei scheitern Leserbindung und Kundenzufriedenheit daran, woran sie schon immer gescheitert sind: an Werbung, die einen für dumm verkaufen will, und an beschissenem Service.

Dem kann man eigentlich nichts hinzufügen. Höchstens dies:


Da lag ich also fiebernd im Bett, mit dem E-Reader in der Hand und dem Smartphone neben mir, und dachte: Jetzt die ZEIT lesen, ohne das Bett verlassen zu müssen – das wäre prima! Dass es die ZEIT im EPUB-Format gibt, wusste ich, seit mir vor langer Zeit einmal ein Exemplar in einer dunkleren Ecke des Netzes über den Weg gelaufen war. Aber jetzt war alles anders, jetzt wollte ich mir gerne eine nagelneue Ausgabe kaufen, also richtig Geld ausgeben, auf dass die Klagen der Verlage ein wenig leiser an mein empfindsames Ohr drängen mögen.

Und weil wir das Jahr 2014 schreiben, stellte ich mir das ganz leicht vor: Mit dem Smartphone bezahlen, Datei runterladen und via Cloud oder Bluetooth auf den Reader schieben. Fertig.

Nun ja. Was folgte, war eine lange Reihe von Dafuq-Momenten:

Es begann damit, dass die Mobilansicht von zeit.de keinerlei Links zu Kaufangeboten beinhaltet. Erstaunlich. Ich vermute, das diese Entscheidung das Ergebnis einer hochgeheimen Marktanalyse ist, die besagt, dass Mobilnutzer ohnehin zu wenig kaufkräftig sind, um sie mit kostenpflichtigen Angeboten zu belästigen.

Später musste ich allerdings feststellten, dass ich etwas übersehen hatte: Ein Werbebanner! The most ignored Werbeform on the wordwide Internetz! Ernsthaft: Es gibt ein wechselndes Werbebanner am oberen Rand von zeit.de. Und wenn man die Seite nur oft genug aktualisiert, erscheint irgendwann auch mal ein Banner für „Die digitale Zeit“. Nur mal nachgefragt: Wann haben Sie sich denn zuletzt Werbebanner aufmerksam angesehen und vielleicht sogar draufgeklickt?

(Ich schweife mal kurz ab: Ein anderer, sporadisch erscheinender Werbebanner verweist auf shop.zeit.de. Diese Seite bringt meinen Browser (Safari unter iOS 7.1) zuverlässig und hundertprozentig reproduzierbar zum Absturz.)

Die fehlenden Links sind für geübte Googler kein Problem: Eine Suche nach „zeit ebook“ empfiehlt als ersten Treffer www.zeit.de/angebote/ebook. Diese Seite sieht am Smartphone so aus:

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Probieren wir also den zweiten Google-Treffer namens premium.zeit.de. Und tatsächlich, auf dieser Seite, die es offenbar nur im Desktop-Layout gibt, bin ich richtig: „Die ZEIT für E-Reader“ wird mir da angeboten.

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Allerdings möchte man mir die Zeitung in diesem Format nur verkaufen, wenn ich ein Abo abschließe. Einzelausgaben bietet man ausschließlich als PDF an, im original ZEIT-Layout. Dieses Format ermögliche, so wird behauptet, einen „bequemen Lesemodus“. O Rly? Eine Zeitung mit dem Maßen einer durchschnittlichen Hamburger Wohnküche, mit teilweise fünfspaltigem Layout, mit eingestreuten Infografiken und -kästen, mit „Lesen Sie bitte auf Seite XX weiter“-Unterbrechungen, eine solche Zeitung also auf einem deutlich kleineren Display zu lesen, soll „bequem“ sein? Please!

In der Hoffnung dass man vielleicht doch irgendwo ein Häkchen für EPUB setzen könne, klicke ich auf das (Sie ahnen es bereits:) Werbebanner. War aber nix. Über eine nur so mittelschön aussehende Seite werde ich zum Paypal-Bezahlvorgang weitergeleitet.

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Dort finden sich so rätselhafte Sätze wie „Wenn Sie die Ausgabe am Monitor durchblättern möchten, wählen Sie bitte auf der Bestellbestätigungsseite von Paypal die Funktion “zurück zum Anbieter”.“ Und überhaupt wirkt der gesamte Bestellvorgang so lieblos und nachlässig zusammengeklöppelt, dass es kaum verwundert, den Auftritt nicht in den Referenzen der betreuenden Agentur wiederzufinden. Die ZEIT verwendet, um noch einmal abzuschweifen, das Abwicklungssystem Copyclick der Hamburger Firma Picturesafe (einen „Eckpfeiler moderner Vertriebsstrategie“) und ist offenbar deren letzter verbliebener Kunde, während die Webseiten des Anbieters bereits abgeschaltet wurden oder zum Kauf angeboten werden. Und ganz leise huscht ein Tumbleweed durchs Bild.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Die ZEIT will mir eine digitale Einzelausgabe nur im denkbar ungeeignetsten Format verkaufen, obwohl es Alternativen gibt. In benutzbarer Form bekommt man die Zeitung jedoch nur, wenn man ein Abo abschließt. Wäre das nicht auch eine schöne Idee für die Offline-Ausgabe? Einzelexemplare werden künftig in Comic Sans gesetzt, Garamond gibts nur für Abonnenten? Nicht?

Da ich grundsätzlich daran glaube, dass es für die meisten Handlungen der Menschen einen Grund gibt, versuche ich stets, solche Phänomene nicht sofort mit „allgemeiner Beklopptheit“ zu erklären. Stattdessen suche ich nach den Motiven. Aber hier bin ich ratlos. Glaubt man, mich auf diese Art für ein Abo zu begeistern? Ist man so stolz auf das Layout, dass man den Inhalt nicht von ihm trennen mag? Braucht man dahergelaufene Spontankäufer wie mich vielleicht gar nicht?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe hier vier Euro. Also, liebe Verantwortliche der ZEIT: Was soll ich damit tun?


Nachtrag, 23.10.14

In den Kommentaren wurde ich auf die Zeit-App hingewiesen, und in der Tat hatte ich diesen Aspekt vergessen zu erwähnen: Natürlich hatte ich mir die App installiert, in der Hoffnung, darüber die gewünschte Ausgabe kaufen zu können, was aber ebenfalls nicht klappte, denn die App zeigt im Grunde nichts anderes als die Website an, nur halt nicht im Browser. In-App-Käufe sind nicht möglich. Die Sinnhaftigkeit einer solchen App ist wieder ein ganz eigenes Thema, das ich hier nicht vertiefen möchte.

Nun musste ich lernen, dass man einfach die „richtige“ App installieren muss. Und tatsächlich ist im App Store noch eine alte Version verfügbar, deren Benutzung nicht mehr empfohlen wird („Wir empfehlen Lesern von ZEIT ONLINE den Umstieg auf die neue ZEIT ONLINE App“, heißt es dazu) und die den Kauf & Download der Zeitung in einem Format ermöglicht, das auf iPhone und iPad sehr komfortabel zu lesen ist. Das ist zwar nicht exakt, was ich wollte, aber immerhin.

Nur mein Logikmodul sprüht mal wieder Funken: Warum, zum Henker, bringt man eine neue App heraus und nimmt ihr die einzige umsatzbringende Funktion der bisherigen App? Ganz abgesehen davon, dass die alte App insgesamt deutlich mächtiger und umfangreicher daherkommt: Welcher Gedanke steckt dahinter, eine funktionierende Bezahloption mal eben ersatzlos zu streichen? Ich verstehe das alles nicht.

Nachtrag, 24.10.14

Ich musste doch kurz lachen: Da mich die Frage umtrieb, warum die ZEIT nicht im hauseigenen Webshop vertrieben wird, zusammen mit den Dutzenden anderen eBooks, die dort erhältlich sind, schaute ich mich in besagtem Webshop mal ein wenig um: Für alle eBooks (!) bedingt man sich „Lieferzeit 5 – 10 Tage“ aus. Die Angabe einer postalischen Lieferanschrift ist Pflicht. Aber immerhin ist die Lieferung versandkostenfrei und erfolgt mit DHL.

Naja, muss ja jeder selber wissen.

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