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Ich kann mit dem ganzen Military-Gedöns ja wenig bis gar nichts anfangen, aber andere sehen das völlig anders. Es gibt einen erstaunlichen Sammlermarkt für sogenannte Dienstuhren aus diversen Kriegen und natürlich gibt es, wie immer, wenn seltene Dinge auf solvente Interessenten treffen, dreiste Fälschungen ebenso wie Uhren, deren Authentizitätsbehauptungen zumindest fragwürdig erscheinen. Vorsichtig formuliert. Mit vergilbten Fotos, Zeitungsschnipseln, alten Zigarrenkisten und einer guten Kamera lässt sich da einiges machen.

Auch zeitgenössische Militäruhren werden gern gesammelt und getragen. Die oben gezeigte Hamilton ist so eine. Ich hatte sie bei einem Flohmarkthändler auf dem Ramschteller entdeckt, in genau diesem Zustand, verdreckt, das Plexi voller Haarrisse und mit einem völlig unpassenden Damenarmband versehen. Den ohnehin schon lächerlich niedrigen Preis handelte ich noch ein wenig herunter (Ehrensache!) und nahm sie mit nach Hause.

Und weil Armeen ja auch nur Behörden sind, wenn auch bewaffnet, wird natürlich ordentlich Buch geführt und inventarisiert. Daher lässt sich aus den Zahlenkolonnen auf dem Uhrenboden einiges herauslesen. Das Schlüsselwort heißt hier „NATO Stock Number (NSN)“.

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  • Der nach oben gerichtete Pfeil ist der Broad Arrow und kennzeichnet in Großbritannien (früher im gesamten Commonwealth) militärische Güter im Staatsbesitz.
  • Bei der 523-8290 handelt es sich um die Unique Item Identifier Number, die in der Produktliste für Militärmaterial der NATO genau diesen Uhrentyp beschreibt.
  • W10 sagt uns, dass es sich um eine Uhr der British Army handelt.
  • Die 6645 steht gemäß dem Code der NATO Supply Classification Group (NSCG) für den Produkttyp „Uhr“ (genauer: Instruments and Laboratory Equipment (66) / Time Measuring Instruments (45))
  • Die 99 beschreibt das Land Großbritannien, wie es im System des NATO Codification Bureau (NCB) hinterlegt ist.
  • Und die 7560/73 verrät uns, dass es sich hier um das 7560. Exemplar dieser Uhr handelt, das im Jahr 1973 gefertigt wurde.

Ganz einfach also. Und oh, bevor ich es vergesse: Hallo Google!

Nochmal das Wichtigste in Kürze: Wir haben hier also eine Uhr der britischen Armee aus dem Jahr 1973 vor uns liegen.

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Die Uhr kommt mit einem einschaligen Monocoque-Gehäuse daher, bei dem das Werk nicht, wie sonst meist üblich, über einen gedrückten oder verschraubten Bodendeckel zugänglich ist. Stattdessen wird es nach oben entnommen, wofür zunächst das Glas abgehoben werden muss. Das ist für eine Uhr dieses Einsatzspektrums sinnvoll, weil eine Dichtung weniger benötigt wird, durch die Wasser und Schmutz eindringen könnte.

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Entsprechend fabrikneu sieht das Handaufzugswerk aus, das hier prominent auf der Räderwerksbrücke als Hamilton 649 gepunzt ist. Dahinter steckt ein weit verbreitetes und gut laufendes ETA 2750 (die Punzen sind unter der Unruh zu erkennen) mit 21.600 Halbschwingungen und Sekundenstopp.

Viel zu tun gab es daher wieder nicht: Ultraschallbad, ein neues Plexi, eine vorsichtige Politur und ein passendes Band. Letzteres musste natürlich stilgerecht ein NATO-Strap aus Nylon werden. Ob die montierte Version als James-Bond-Nato bezeichnet werden darf oder eher nicht, darüber können Experten sehr lange Blogeinträge schreiben. Folgen Sie ruhig dem Link, der ist sehr interessant und vermittelt einen kleinen Eindruck davon, womit sich der Mensch alles beschäftigen kann.

Ich schrieb ja bereits, dass ich eigentlich kein Freund von solchem Militärzeug bin. Daher wanderte die Uhr auch schnell weiter zu einem anderen Sammler. Die hier gezeigten Bilder stammen aus dem Archiv.

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