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Sangdo DG2803 Automatic – die perfekte Dresswatch

Zwei Punkte vorab.

Erstens: Ich habe keine Ahnung von Uhren. Von aktuellen Uhrenkollektionen, um genau zu sein. Ich bin in der Vintagewelt zuhause, der Wert meiner Ticker liegt meist im unteren zweistelligen Bereich, ich habe noch nie einen dieser mysteriösen „Konzis“ (a.k.a. Konzessionär, Vertragshändler) von innen gesehen. Echt wahr. Was will ich auch dort?

Denn zweitens: Ich kaufe keine Uhren, ich jage sie. Auf Flohmärkten durchwühle ich die dunkelsten Kisten. Auf Ebay habe ich die abseitigsten Suchanfragen gespeichert. Mit Begeisterung stöbere ich in exotischen Vintageuhrenblogs und auf internationalen Auktionsplattformen, die nur mit der Übersetzungshilfe des Chrome-Browsers navigierbar sind. Rakuten ist mein zweites Zuhause. Und Aliexpress.

Eben dort wurde ich einer Uhr ansichtig von solcher Wohlgestalt, dass ich den Blick nicht wenden konnte und rief: „Ach kuck, die Chinesen kriegen ja ein richtig schönes, eigenständiges Design hin!“ Der Punkt mit der Schönheit stimmte, aber dass es mit der Eigenständigkeit nicht weit her war, merkte ich erst, als der Bookmark gesetzt und die Saat des Habenwollens längst gesät war. Und als neugieriger Mensch bestellte ich das Ding. Zack, so geht das.

Moment mal: Aliexpress? Da wird man doch nur betrogen! Das habe ich im Internet gelesen!

Aliexpress ist eine chinesische Verkaufsplattform, die aus meiner Sicht das Zeug hat, ein besseres Ebay zu werden. Sie wendet sich, anders als die Mutter alibaba.com, vor allem an Endkunden. Man findet dort alles, was von chinesischen Fließbändern fällt, viel minderwertige Ware für kleines Geld, fragwürdige Gimmicks, all das. Produktpiraterie ist weit verbreitet, und auch wenn Alibabas „Intellectual Property Rights Protection Policy“ das eigentlich verbietet, finden die Verkäufer durch mehr oder weniger geschickten Photoshopeinsatz oft einen Weg, das gefälschte Label zu verschleiern. Betrug soll es geben, man liest immer wieder davon, und tatsächlich muss man vorsichtig sein und genauer hinsehen: Schlechte Käuferbewertungen werden oft nicht gezählt, viele Verkäufer sind Gemischtwarenläden mit derart riesigen Sortimenten, dass es zweifelhaft erscheint, ob tatsächlich immer alles lagernd verfügbar ist. Positiv: Die Kaufabwicklung läuft grundsätzlich über ein Treuhandkonto, es gibt (großzügig bemessene) Zeitfenster, innerhalb derer die Transaktionen ablaufen müssen und nach deren Ablauf die Gegenseite das Geschäft stornieren kann. Die möglichen Zahlungsarten sind vielfältig (dazu später mehr), Paypal geht jedoch seit zwei Jahren leider nicht mehr.

Der Händler

Mein Verkäufer war einer dieser Gemischtwarenhändler, aber ich hatte wohl Glück, denn alles klappte reibungslos. Für 90$ war die Uhr angeboten, 10% Rabatt gab es, statt des kostenlosen Versands mit China Post wählte ich die DHL-Option für 11$ Aufpreis. Geduld musste ich allerdings mitbringen: Nach Zahlungseingang dauerte es 7 Tage, bis die Ware als versandt markiert wurde, dann noch einmal 6 Tage, bis das Paket in Singapur war und die Tracking-ID endlich funktionierte. Von Singapur nach Deutschland war die Uhr 11 Tage unterwegs und noch einmal 5 Tage vom Frankfurter Zoll zu meinem Postamt. Insgesamt musste ich mich also einen ganzen Monat gedulden, bis ich die Uhr endlich in der Hand halten konnte.

Und wie kommt das Geld am günstigsten um den Planeten?

Ist man wie ich Kreditkartenverweigerer, kann man unter anderem per Banküberweisung bezahlen. Prima, dachte ich und machte mich auf den Weg zu meiner Hausbank. Dort bekam ich ein sehr großes Formular ausgehändigt und die Auskunft, dass mich dieser Service 37,50 Euro kosten würde (12,50 Euro Eigengebühren und 25 Euro „Fremdkostenpauschale“ der empfangenden Bank). Keine Aussage konnte man über die Geschwindigkeit der Transaktion machen, und überhaupt schien der Hypovereinsbankbeamte kein großes Interesse an diesem Geschäft zu haben. Also lachte ich kurz und ging geradewegs zu Western Union, übergab der dortigen Dame alle meine Unterlagen, leistete drei Minuten später eine Unterschrift und stand wieder auf der Straße. Gekostet hat dieser Blitzservice sensationelle 6,12 Euro, zuzüglich eines runden Euro aufgrund des etwas ungünstigeren Wechselkurses. Und das Beste: Keine 90 Minuten später bekam ich die Nachricht, dass das Geld in Singapur eingegangen sei. Seit diesem Tag bin ich ein Fan von Western Union.

Das ist ja sicher interessant, aber jetzt würde ich gerne die Uhr sehen!

Aber klar doch. Vor dem Ansehen kommt jedoch das Auspacken. Und die bemerkenswerte Matrjoschkahaftigkeit der Verpackung macht Laune: Uhr in Box in Kiste in Tüte in Paket.

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Der erste Eindruck nach dem Öffnen der Box ist positiv: Eine Schönheit lacht mich an, dick mit Frischhaltefolie eingewickelt. Die Dame an meiner Wursttheke könnte das nicht besser. „Verkleben“ nennt wohl der Fachmann diese Behandlung.

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Ich möchte noch einmal kurz darauf hinweisen, dass mich diese Uhr 78 Euro gekostet hat, wovon ca. 60 Euro an den Händler gingen. Das ist die Kategorie, in der sich die Uhr qualitativ behaupten muss. Und das schafft sie, um es vorwegzunehmen, beeindruckend gut.

Zunächst einige Detailansichten. Polierte und gebürstete Flächen wechseln sich ab, die Verarbeitung ist tadellos, alle Kanten sind sauber entgratet, keine Unsauberkeiten, keine Spalten, nix zu meckern. Das Mineralglas wölbt sich leicht über ein beeindruckend schönes, cremefarbenes Teak-Ziffernblatt mit Indizes, die nicht nur einfach blau sind, sondern je nach Lichteinfall zwischen nachtblau und leuchtend-türkis changieren. Meine ersten Befürchtungen hinsichtlich der Ablesbarkeit von silbernen Zeigern auf hellem Grund bestätigten sich nicht. Das ist schön. Über die sog. „Leuchtmasse“ decken wir jedoch besser den Mantel des Schweigens. Das Lederband wiederum sieht edel aus und riecht nach frisch geputzten Schuhen, die Dornschließe ist signiert.

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Kommen wir zum ersten echten Kritikpunkt, der Krone. Die ist erstens von stattlicher Größe und wirkt daher etwas dominant, zweitens ist sie geschraubt, was mir nicht behagt, da ich darin eine Sollbruchstelle vermute. Zudem gelingt es kaum, die Krone zu verschrauben, ohne gleichzeitig den Wochentag zu verstellen – eine sehr hakelige Angelegenheit.

Wenn wir einen Blick auf die Unterseite werfen, begegnen wir einem guten Bekannten, nämlich einem Miyota 8215 – zumindest könnte man das denken. Tatsächlich ist es jedoch einer der chinesischen Nachbauten, und zwar ein DG2803 der Dixmont Guangzhou Watch Company, wie man an der Punze erkennt. Hier in einer recht ansprechenden vergoldeten Version, auch wenn solche Werke nicht unbedingt nach einem Glasboden schreien. Lustig ist der „aufwendig gravierte“ Rotor, der sich bei näherem Hinsehen als schief auf den eigentlichen Rotor geklebtes Metallplättchen entpuppt. Hoffen wir, dass es lange hält. Das Werk war übrigens ein wichtiger Anreiz für den Kauf, da es wohl komplett baugleich zum Miyota ist (bis hin zu den Positionen der Ziffernblattfüßchen) und daher bei Bedarf schnell und preiswert ersetzt werden kann – ein neues, originales 8215er bekommt man schon für 30 Euro.

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Insgesamt liest man über diese Klone überwiegend Gutes. Auffällig an diesem Exemplar ist der ungleichmäßige Lauf des Sekundenzeigers, der stellenweise stark ruckelt – was wohl nichts Ungewöhnliches ist und auch beim Miyota-Original auftritt.

Aber wie sieht‘s mit dem Gangverhalten aus? Die Zeitwaage bringt es an den Tag: Mäßige Amplitude, sehr ungleichmäßiges Gangbild, Abweichungen, die mir aus dem Vintagebereich nicht fremd sind. Und zwar in allen Lagen. Am Arm merkt man davon jedoch nichts. Ich werde die Messung nach ein paar Monaten Einlaufzeit noch einmal wiederholen.

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Schön. Und woher bekomme ich die Uhr?

Mein Händler hat sie nicht mehr im Sortiment, man findet sie aber häufiger bei AliExpress – einfach mal nach „sangdo male watch“ suchen. Hier zum Beispiel gibt es die Version mit Edelstahlband in vielen verschiedenen Farben. Ob dieser Händler seriös ist? Keine Ahnung.

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Fazit: Eine verdammt schöne Uhr mit einigen Schwächen. Ich mag es, dass das Schmuckstück sich nicht seiner Herkunft schämt: Den Hinweis „Hongkong Made“ findet man auf dem Ziffernblatt, dem Boden und dem Rotor. Die Ähnlichkeit zur (ca. hundertmal so teuren) Omega Aqua Terra Annual Calendar ist natürlich trotzdem nicht zu leugnen – wen das nicht stört, für den ist dieses Schmuckstück eine klare Empfehlung. Und ich liebäugele bereits mit der schicken anderen Variante, mit braunem Blatt und Edelstahlband…

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Nivada Grenchen Leonardo Da Vinci

Heute würde man Nivada wohl abfällig als Einschaler bezeichnen. Zu Unrecht, denn einige ihrer Modelle waren legendär.

Da gab es die Antarctic, die am Handgelenk von Admiral Richard E. Byrd in der Operation „Deepfreeze 1“ im Jahr 1956 den Südpol erreichte. Oder die Aquamatic, einen wasserdichten Dresser mit Hammerautomatik aus den Vierzigern (Werbeslogan: „13,5% more accuracy without winding“). Oder die Dephtmaster, eine der ersten Taucheruhren mit 1000 Metern Tauchtiefe. Oder die Dephtomatic, in den Sechzigern neben der Favre Leuba Bathy die einzige Uhr mit mechanischem Tiefenmesser. Oder die Chronoking- und Chronomaster-Modelle, wunderschöne Sportchronographen aus den Siebzigern.

Und dann gab es die meist auffallend gestalteten Uhren der Leonardo-Da-Vinci-Reihe, mit denen Nivada kurz vor ihrem Exitus der Quarzkrise begegnen wollte. Das Ergebnis sollte bekannt sein.

Fast ein Jahr habe ich nach genau dieser Uhr gesucht. Gelegentlich tauchte eine in der Bucht auf und ging zu meist irren Preisen weg. In merkwürdigen, ostasiatischen Uhrenblogs sah ich hin und wieder ein Exemplar, das aber auf Nachfrage schon verkauft war. Manchmal dachte ich, es sei die seltenste Uhr der Welt, aber das ist natürlich Quatsch.

Und jetzt habe ich eine und freu mir ein Loch in den Bauch. Was für eine wundersame, merkwürdige Schönheit.

Die wilde Kombination aus GMT-Lünette und gewölbter, quadratischer Ziffernblattumrandung macht die Uhr ziemlich einzigartig. Das Farbverlaufsblatt, die schönen schmalen Zeiger und das aufgesetzte Logo sorgen für ein wenig Eleganz. Und durch die versenkte Krone wird das Schmuckstück erst richtig rund. 42mm misst sie und ist mir damit eigentlich zu groß. Aufgrund der halb versenkten Bandanstöße schmiegt sie sich aber dennoch sehr gut an meine schmalen Gelenke. Drin tickt ein ETA 2472, dessen Genauigkeit zwar keinen Anlass für Beschwerden liefert, das aber dennoch einen Service gebrauchen könnte – steht doch der Rückerzeiger bereits am rechten Anschlag.

Insgesamt und trotz der dezenten Farbgebung eine meiner auffallendsten Uhren. Bereits mehrfach wurde ich auf sie angesprochen, was mir sonst fast nie passiert. Nicht jeder findet sie schön.

Ich schon.

 

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70er-Jahre-Citizen mit Kal. 6001

Im ordentlichen Zustand sei das Gehäuse, schrieb der Verkäufer, und dass es Oxidationsspuren auf den Indizes gäbe. Nun ja, so kam die Uhr bei mir an:

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